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Auf langfristige Sicht keine Wohnperspektive in Suhl-Nord

Entwicklung von Stadtzentrum und zentrumsnahen Wohngebieten ist Schwerpunkt / Mit einer unserer Leserinnen beim Oberbürgermeister / Ein Fünftel der Nord-Bewohner noch geblieben

Von Sabine Gottfried SUHL Abgehängt und im Stich gelassen fühlen sich viele Bewohner von Suhl-Nord.

Aus der Ferne betrachtet schaut das einstige Wohn-Ballungsgebiet Suhl-Nord recht intakt und aufgeräumt aus. Tatsache aber ist, dass seit 1990 vier Fünftel der Bewohner hier wegzogen. Drastische Konsequenzen sind nicht ausgeblieben. Foto: got  

Von Sabine Gottfried

SUHL Abgehängt und im Stich gelassen fühlen sich viele Bewohner von Suhl-Nord. Sie fragen nach der Zukunft ihres Wohngebietes und sehen sich nach der Schließung von drei Einkaufsobjekten, anderer Einrichtungen, aufgrund leerer Wohnungen, kompletter, unansehnlicher Wohnblocks und bevorstehender weiterer Abrisse nicht mehr dazu gehörig. Es gibt nicht mal mehr einen Bankautomaten oder eine Poststelle. Sicher in vieler Namen wandte sich unsere Leserin Sonja Pommer aus der Kleinen Beerbergstraße über den "Wochenspiegel" in einem kritischen, verbitterten Brief an Oberbürgermeister Jens Triebel mit der Sorge, dass es den Stadtteil Suhl-Nord quasi nicht mehr gibt.

"Wie sollen die Menschen, die nicht mehr mobil sind, zurecht kommen? Bis zur Stadtmitte ist es ein weiter Weg, und hier gibt es viele ältere und behinderte Menschen", schreibt sie. Frau Pommer wohnt seit 33 Jahren in Suhls Trabantenstadt auf der Höhe und wie manch anderer dennoch gern hier.

Der OB nahm sich jetzt Zeit, um mit unserer Redaktion und Sonja Pommer ausführlich über Ursachen der Situation auf dem Ziegenberg und die weiteren Aussichten zu sprechen. Für diese Möglichkeit äußerte sich Triebel ausdrücklich dankbar.

Bei den jahrelangen Vorwürfen, die Menschen würden aus Suhl-Nord vertrieben, müsse man die gesamte Stadt im Blick behalten. Die Wahrheit sei, dass viele Bewohner selber mit den Füßen abgestimmt und das Wohngebiet verlassen hätten, erinnert er.

Die "nackte Tatsache": In den Plattenwohnungen in Nord lebten in Spitzenzeiten 13 500 Menschen, heute seien es gerade noch 2700 - ein Fünftel! "Würden die beiden großen Wohnungsunternehmen mit Abrissen nicht ihr eigenes Vermögen vernichten, hätten wir heute dort über 50 Prozent Wohnungsleerstand, so dass die übrigen Wohnobjekte inmitten von durch Vandalismus zerstörten Gebäuden stünden und es aussähe wie im Kriegsgebiet. Davor konnten wir die Augen nicht verschließen", betont das Stadtoberhaupt.

Das zu vermeiden, sei gemeinsames Ziel des Stadtentwicklungskonzeptes, in dem dies manifestiert worden sei. Suhl habe im Vergleich zu 1990 heute 20 000 Einwohner weniger - natürlich mit Auswirkungen auf den benötigten Wohnraum. So krass aber, ist der Einwand von Sonja Pommer, hätte es nicht kommen müssen. Etliche Leute seien nach Zella-Mehlis gezogen, weil sie in der schönen Wohngegend, wo sie gern geblieben wären, keinen Wohnraum bekommen hätten. Das will Jens Triebel so nicht stehen lassen - lediglich zehn seien es gewesen.

Keinen Schweizer Käse zugelassen

Das Entscheidende für die Wohnungsunternehmen und den Stadtrat sei gewesen, eine Stadt, die vor Veränderungsprozessen steht, nicht zu einem Schweizer Käse werden zu lassen, sondern Investitionen und Entwicklung auf das Stadtzentrum und zentrumsnahe Wohngebiete zu konzentrieren. Da sei es naheliegend, in einem Wohngebiet, das die Menschen in Tausenderschritten verlassen haben, die Weichen für eine andere Entwicklungsperspektive zu stellen.

"Es ist freilich schöner, ein Band durchzuschneiden für die Eröffnung einer neuen Schule, eines Kindergartens oder Wohngebäudes. Aber wir müssen die Stadt neu aufstellen und haben das seit 2009 mit dem ISEK, dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept Suhl 2025 bzw. 2035, als Start erfolgreich getan", erläutert der Oberbürgermeister.

Mit derartigen Auskünften vom bisherigen Stadtteilbüro sieht es schwierig aus. Es wurde geschlossen - wegen geplantem Abriss des Blocks. Mit dem früheren Stadtteil-Manager Thomas Meyer könne man nun ab und zu über die "Insel" Kontakt finden, sagte uns der Vorsitzende des Wohngebiets-Beirates, Helmut Hellmann. Er wehre sich dagegen, dass es für die Bürger keinen festen Anlaufpunkt mehr gibt, wobei die beiden Wohnungsunternehmen dabei seien, Kontaktmöglichkeiten zu schaffen.

Beim gegenwärtigen Ist-Zustand in Suhl-Nord helfen gegenseitige Schuldzuweisungen nicht weiter, meint Hellmann. Nachdem auch der letzte Händler dicht gemacht hat, könne nur noch Schadensbegrenzung erfolgen. Einige Projekte seien schon im Entstehen. Z.B. werde in der Kornbergstraße 3 ein Fahrservice in die Aue angeboten. Das alles könne man ohne weiteres auch erweitern, wenn die Bereitschaft der Anwohner da wäre.

"Wir haben vor einiger Zeit schon mal einen mobilen Einkaufswagen angeboten, der leider nicht angenommen wurde", erinnert Helmut Hellmann. Es falle immer schwerer, die Leute zur Mitarbeit zu bewegen. "Ohne das Engagement aller kommen wir aber nicht weiter. Es hilft nichts, wenn einzelne, die auch Verantwortung mit tragen, den Abriss ursprünglich mit beschlossen, jetzt aber ohne eigene konstruktive Vorschläge sind und gegen alles und jeden arbeiten. Gerade das ist kontraproduktiv." Hellmann betont, für jeden da zu sein, der mitarbeiten und helfen will. Nur so könne noch das Beste aus der ganzen Situation gemacht werden.

Wer dagegen in die Aue oder die Stadtmitte schaut, will Triebel verdeutlichen, sehe, dass die Wohnungsunternehmen die Bündelung von Wohnkapazitäten und die Investitionen sehr zum Vorteil der Wohngebiete genutzt hätten. Im Gegensatz zu früheren Jahren und seinem Vorgänger sei den Bürgern auf dem Ziegenberg das klare Signal gegeben worden, dass das Wohnen dort endlich ist. Aber auch, dass man zwei, fünf oder zehn Jahre Zeit hat, gemeinsam mit den Vermietern Wohnalternativen zu suchen.

"Dass es keine geeigneten Wohnungen gibt, stimmt nicht", meint der OB, "aber sicher nicht zu jeder Zeit jede gewünschte." Der Prozess in Suhl-Nord werde sehr langfristig gesteuert, wobei der Zug nicht mehr aufzuhalten sei. Irgendwann fehle, wie in der Physik, die kritische Masse, um ein Wohngebiet aufrecht erhalten zu können. Bei der vorhandenen Infrastruktur - Kanäle, Strom, Gas, Straßen - sei es folgerichtig, zumindest Teile des Gebietes für eine gewerbliche Nachnutzung vorzusehen.

Gut erreichbare Alternativen?

Triebel spricht von etwa zwölf Hektar der insgesam 135 Hektar des Gebietes, die ab 2025 für die gewerbliche Nachnutzung vorgesehen seien. Über weitere mache man sich heute noch keine Gedanken. "Suhl braucht dringend Gewerbeflächen. Das ist die Grundlage, dass auch wieder mehr Menschen hier wohnen."

Angesprochen auf die weggebrochenen Handels- und Dienstleistungseinrichtungen in Suhl-Nord, meinte er, die schließe ja nicht die Stadt, das sei Standortpolitik der jeweiligen Unternehmen wie Handel, Sparkasse oder Post. Langfristig findet Triebel sie aber richtig. Denn gut erreichbare Alternativen für die Bewohner seien Stadtmitte oder auch Goldlauter. Mit dem städtischen Nahverkehr komme man da gut hin.

Da wiegt Sonja Pommer, sicher wie viele andere Betroffene auch, sehr ungläubig den Kopf. Der OB daraufhin: "Fragen Sie die Wichtshäuser, Dietzhäuser, Albrechtser oder Vesserer, wo sie einkaufen gehen. Das geht auch nicht zu Fuß. Eine Ausnahme-Betroffenheit von Suhl-Nord sehe ich jedenfalls nicht." Jens Triebel äußert zumindest volles Verständnis für das Verlustgefühl bei einer schwindenden Infrastruktur. "Das tut weh."

Er könne nur jedem in Suhl-Nord raten, für einen langfristigen Wohnsitz den Kontakt zu seinem Vermieter zu suchen. Denn: "Es wird in Suhl-Nord keine Wohnperspektive auf unendlich bestimmte Zeit geben."

Das Stadtentwicklungskonzept ISEK findet man auf der Homepage der Stadt

suhltrifft.de

    
    

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