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3832 Langzeitarbeitslose, 5375 offene Stellen: Tolle Chancen, oder?

Die Arbeitsagentur weiß: So einfach geht die Rechnung nicht auf, da spielen viele Faktoren rein

SÜDWESTTHÜRINGEN "Stellenwunder", das Wort taucht schon geraume Zeit immer einmal auf, wenn es um die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt zwischen Kyffhäuser und Sonneberg, Bad Salzungen und Altenburg geht.

Agenturchef Wolfgang Gold (l.), Operativ-Mann Eckhard Lochner und Eva Günther, Sachbearbeiterin für Presse/Marketing, durchforsten für den "Wochenspiegel" die jüngsten Arbeitsmarkt-Fakten. Foto: got  

SÜDWESTTHÜRINGEN "Stellenwunder", das Wort taucht schon geraume Zeit immer einmal auf, wenn es um die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt zwischen Kyffhäuser und Sonneberg, Bad Salzungen und Altenburg geht. Aber bringt sie auch den Langzeitarbeitslosen mehr Chancen? Das fragte der "Wochenspiegel" Wolfgang Gold, Vorsitzender der Geschäftsführung, und Eckhard Lochner, Geschäftsführer für das Operative der Agentur für Arbeit Suhl.

Wochenspiegel: Verspüren die Langzeitarbeitslosen das "Stellenwunder"?

W. Gold: Unsere neuesten Zahlen melden 13 158 Arbeitslose insgesamt, das sind 1553 weniger als im Vorjahr. Davon sind 3832 langzeitarbeitslos, aber immerhin 663 weniger, als noch vor einem Jahr. Von ihnen sind 498 in der Arbeitslosengeldversicherung und 3334 in ALG II oder Hartz IV. Bei diesen beiden Gruppen verzeichnen wir einen Rückgang zwischen 15 und 20 Prozent. Dazu kommt, dass wir nicht mehr so viele Langzeitarbeitslose dazu bekommen wie früher. Der Übergang in die Langzeitarbeitslosigkeit ist deutlich reduziert. Beim ALG II kommt aber ein demografischer Faktor hinzu, also viele Langzeitarbeitslose gehen nun in Rente.

Ab wann gilt ein Mensch als langzeitarbeitslos?

E. Lochner: Wenn er zwölf Monate oder länger durchgehend arbeitslos war. Und diese Arbeitslosigkeit ist stärker zurückgegangen, als noch vor einem Jahr. Das ist erst einmal eine positive Nachricht. Insgesamt ist die Arbeitslosigkeit um 10,6 Prozent gesunken, aber die Langzeitarbeitslosigkeit um 14,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Nichtsdestotrotz haben es diese Menschen schwerer, in den Arbeitsmarkt zurück zu finden. Ihre Merkmale treten ja oft in Kombination auf, etwa gesundheitliche Beeinträchtigung, höheres Alter, eingeschränkte Mobilität, um einen Arbeitsplatz zu erreichen. Je länger sie ohne Arbeit sind, umso schwieriger wird es.

Ihre Zahl mit der der gemeldeten offenen Stellen gegenüber zu setzen, ist sicher eine Milchmädchenrechnung. Aber wie viele freie Stellen sind denn gemeldet?

W. Gold: Nein, das passt nicht. Denn wo wir freie Stellen haben, gibt es nicht immer die passenden Bewerber, und umgekehrt. Bei den freien Stellen - es sind derzeit 5375 - haben wir sehr viele für den qualifizierten und hoch qualifizierten Bereich.

Welche zum Beispiel?

E. Lochner: Werkzeugmechaniker, Elektroniker, CNC-Dreher und -Fräser, in der Metall- und Kunststoffbearbeitung, in der Altenpflege - eine ganz große Bandbreite.

Aber was ist denn mit den alten Hasen aus dem Metallbereich, die Branche ist ja schon ewig in der Region verwurzelt?

E. Lochner: Die sind üblicherweise nicht arbeitslos. Wenn doch, liegt es nicht an der Fachlichkeit, sondern an weiteren Hemmnissen, die noch mit rein spielen.

Also verfestigt sich hier ein gewisser Sockel.

W. Gold: Ja, wir haben inzwischen eine strukturelle Arbeitslosigkeit. Die Qualifikationsstruktur der Arbeitslosen und die der freien Stellen passen oft nicht zueinander.

Es werden doch aber nicht überall nur Spitzenkräfte gesucht.

E. Lochner: Es gibt nach wie vor einen Bewerber-Überhang im kaufmännischen Bereich, also bei Bürokräften. Im gewerblichen, dem Fertigungsbereich, dreht sich das, auch im Dienstleistungsbereich, insbesondere, wo es um Schichtarbeit geht, flexiblen Einsatz, rollende Woche. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, solche Bedingungen zu erfüllen.

W. Gold: Es ist derzeit eine starke Dynamik auf dem Arbeitsmarkt, einerseits im Monat Februar ein Zugang aus Erwerbstätigkeit von 1500 Menschen, aber auch ein Abgang in Erwerbstätigkeit von fast 1200. Stimmt, es gibt einen gewissen Sockel, der sich verfestigt. Aber wir staunen oft selbst, welche Leute, auch Langzeitarbeitslose, bei dem jetzigen guten Arbeitsmarkt wieder in Beschäftigung kommen.

Nun, es ist ja Ihre Arbeit, das kräftig zu stützen.

W. Gold: Ja, mit sehr viel Geldeinsatz und vielen Programmen. Wir haben im Bereich der Arbeitslosenversicherung, also ALG I, im Moment sehr viel Geld zur Verfügung für Fördermöglichkeiten, sowohl Qualifizierungsmaßnahmen, als auch Eingliederungs- und Erprobungszuschüsse für Arbeitgeber. Auch für Schwerbehinderte ist die Förderung sehr gut ausgestattet.

Was kann ein Chef so kassieren für einen Eingestellten, der nicht mehr ganz up to date ist?

E. Lochner: Bei einem Eingliederungszuschuss je nach Leistungsminderung des Stellenanwärters kann für drei Monate bis zu einem Jahr ein Lohnkostenzuschuss von bis zu 50 Prozent gezahlt werden. Bei Älteren und Schwerbehinderten können Förderdauer oder Zuschüsse noch höher sein, bei Probebeschäftigung von Schwerbehinderten bis zu 100 Prozent für 3 Monate.

5500 Quali- Förderungen geplant

W. Gold: Mein Kollege Norman Walbach vom Controlling hat gerade gerechnet, dass wir im vorigen Jahr rund 1000 solcher Eingliederungszuschüsse gezahlt haben, mit unterschiedlicher Dauer natürlich. Wir versuchen auch, die sogenannte Minderleistung durch Qualifizierung auszugleichen - im vorigen Jahr mit fast 2000 Förderungen. In diesem Jahr planen wir etwa 5500 Eintritte in arbeitsmarktliche Förderungen, insbesondere Qualifizierungen, für Menschen im ALG I.

Naja, da fließt unser aller Arbeitslosenversicherung hin.

W. Gold: Ja, in die Rücklagen der Bundesagentur von inzwischen etwa 11 Milliarden Euro. Vor dem Konjunktureinbruch 2007/08/09 mit sprunghaft steigenden Arbeitslosenzahlen hatte die BA Rücklagen von 17 Milliarden Euro bei einem Arbeitslosenbeitrag von sechs Prozent. Jetzt liegt er bei drei Prozent. Die Rücklagen sind voll eingesetzt worden und schlagartig auf Null gesunken. Weil es seither stabil aufwärts ging, konnten sich die Rücklagen der BA trotz gesunkenem Versicherungsbeitrag kontinuierlich aufbauen. Das ist ein Puffer, mit dem man Krisen abfangen kann, ohne dass der Staat z.B. Steuern erhöhen muss.

Es gibt bisweilen Gemecker, es gäbe Arbeitslose, die ihre Chancen nicht nutzen, es sich bequem gemacht haben.

W. Gold: Bequem ist das falsche Wort. Es gibt Kunden von uns, die "im System liegen". Manche können nicht mehr. Manche haben keine Motivation mehr, andere sich so eingerichtet, dass sie mit ALG II und vielleicht noch einem Nebenjob leben können. Aber eine Pauschalierung ist falsch.

Gerade bei der Bürgerarbeit haben wir erlebt, dass Leute dadurch so stabilisiert wurden und in Beschäftigung kamen oder die Arbeit nun ehrenamtlich weiter machen. Bürgerarbeit war ein Sonderprogramm bis Ende 2015 mit einer 30-Stunden-Woche, die besonders in Suhl, Sonneberg und dem Wartburgkreis lief. Hier gilt der Satz "Arbeit schafft Würde", das Bewusstsein, etwas wert zu sein.

Nach Jahren wieder rein zu kommen, ist das große Problem.

W. Gold: Viele nehmen dafür auch die Zeitarbeit in Anspruch. Man kann dem Betrieb zeigen, wie gut, wie stabil man ist. Die Übernahmequote aus Zeitarbeit wird immer größer. Die meisten Entleihfirmen sind ja ihrerseits auch an langfristigen Einsätzen interessiert. Das ständige Hüpfen von Stelle zu Stelle ist eher untypisch geworden.

E. Lochner: Je weniger verfügbare Arbeitskräfte es gibt, um so stärker wird der Wettbewerb um die besseren Köpfe, und Zeitarbeit wird gegenüber der Direktanstellung wieder eine geringere Rolle spielen. Sie ist aber eine gute Brücke zum Wiedereinstieg in das Arbeitsleben.

Interview: Sabine Gottfried

    
    

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