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Coburg. Diäten oder Frustessen haben keine Saison. Der Kampf gegen oder mit den Pfunden ist vielmehr allgegenwärtig und mitunter krankhaft. Immer mehr Jugendliche (auch mehr und mehr Jungs), aber auch zunehmend Erwachsene, haben Probleme mit dem Gewicht. Doch sind es wirklich nur die Äußerlichkeiten oder „hungert nicht die Seele“? Essstörungen, wie Bulimie als bekannteste Form, haben Konjunktur und belasten die Familien, nicht zuletzt mit Schuldzuweisungen.
Seit fünf Jahren existiert nun eine Selbsthilfegruppe, die sich den Angehörigen annimmt. Gegründet hat sie Angela Engelhardt, selbst als betroffene Mutter involviert, in Neustadt, doch mittlerweile ist die SHG nach Coburg umgezogen, in die Neustadter Straße 3. Dass die ursprünglich Neustadter Gruppe mittlerweile nach Coburg gegangen ist, um dort ihre jeden zweiten Montag um 20 Uhr stattfindenden Treffen abzuhalten, hat auch seinen Grund: Anonymität lautet die Devise. „Zurzeit umfasst unsere Gruppe zehn Personen, sogar aus dem südlichen Landkreis sind verzweifelte Familienmitglieder dabei“, zieht Engelhardt eine Art Zwischenbilanz mit einer von ihr nicht erwartet großen Resonanz „aber allen konnte bislang gezielt geholfen werden“. Die Gruppe selbst ist höchst unterschiedlich besetzt, was die Entwicklungsstufen betrifft genauso wie die soziale Stellung. Da ist ein Vater, einer der wenigen, der in diese SHG geht und auffordert: „Männer, kommt dorthin, schickt nicht nur eure Frauen.“ Und Eva (Namen von der Redaktion geändert) fügt hinzu: „Ich alleine hätte es nicht geschafft, es ist gut, dass mein Mann mitkommt“. Aber es ist nicht einfach an diesen Abenden. „Es wird Tacheles geredet, keine einfache Kost oder nur Blabla“, sagt Gundi „aber dieses offene Reden ist auch Voraussetzung, denn vielen werden erst hier die Augen geöffnet“. Aber, so sagen alle, „es bringt etwas, es macht Mut, wenn man Fortschritte erkennt“. Denn die Angehörigen haben mit einem unangenehmen Faktor zu kämpfen, der Zeit: „Es ist unvorstellbar grausam, wenn man zusehen muss, wie eben diese davonläuft. In letzter Konsequenz stirbt ein Mensch.“ Weinen hilft auch, aber auch Lachen ist nicht verpönt, sagen sie und „gut für den Besuch der SHG ist die Zeit, wenn der oder die Angehörige in der Klinik ist. Denn nach dem Aufenthalt ist beileibe nicht alles in Ordnung und die Kraft wird anderweitig gebraucht, denn man muss vorbereitet sein.“ Franziska: „Die SHG hat mir neue Impulse gegeben, den Mut, auch einmal quer zu denken“. Und das ist notwendig, denn mit herkömmlichen Denkweisen ist der Kampf oft nicht zu gewinnen. „Das Geheimnis ist es, dass alles kann, nichts muss“, rät Hannelore, die schon seit Beginn dabei ist. Beispielsweise wird keiner zum Reden gezwungen, anfangs ist Zuhören oft ein probates Mittel „ehe man erkennt, dass die anderen beispielsweise das schon durchgemacht haben und wertvolle Tipps geben können“, sagt Engelhardt „und es ist keine Verpflichtung, jeder kann solange kommen, wie er es für nötig erachtet.“ Sie sichert zudem 100-prozentige Anonymität zu „aus dem Raum dringt nichts nach außen“. Panikmache ist demnach Fehl am Platze „viele durchlaufen die gleichen Schemata, müssen bestimmte Schritte machen“, weiß Engelhardt „die Devise, dass es nur einem so ergeht, wird schnell aufgeweicht, denn viele Familien machen das mit.“ Vielen Angehörigen wird erst durch die offenen Gespräche bewusst, dass sie für sich selbst etwas tun müssen: „Ohne Hilfe schafft man es nicht“, sagt Gundi „oder man reicht einmal selbst eine Kur ein und bekommt Mut, zum Arzt oder Psychologen zu gehen“. Ein weiteres Problem bringt Carsten an: „Wir fühlen uns von den Ärzten im Stich gelassen.“ Zudem ist in Familien oft die Gefahr, dass der oder dem Betroffenen die meiste Zuwendung zuteil wird, „die anderen Geschwistern beispielsweise fehlt“. Nach der Gesprächsrunde müssen die Erfahrungen erst verarbeitet werden, „was auch langwierig und schmerzhaft sein kann, zumal es kein Patentrezept gibt“. Wenn Eva und Franziska durch die Stadt bummeln, „dann sehen wir schon viele Mädchen, die an Essstörungen leiden. Da bekommt man einen Blick dafür.“ Zehn Prozent schätzen die beiden, sind es mittlerweile „und das würden wir unterschreiben“. Der Spruch „das passiert uns nie“, sollte nie in Mund genommen werden, raten Mitglieder der SHG „und man sollte loslassen, um festhalten zu können“. Und noch ein Tipp kommt von allen Anwesenden „wir können unsere Kinder nicht gesund machen. Das müssen die Ärzte und die Betroffenen selbst.“ So ist es oft ein verzweifelter Kampf, den Angehörige von mit Essstörungen behafteten Menschen führen. Oftmals ist er aussichtslos, insbesondere dann, wenn keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, denn ein Teufelskreis von Scham, Ohnmacht und Vorwürfen, auch oder gerade gegen sich selbst, geht oft einher, da die Öffentlichkeit nichts erfahren darf. Informationen über die SHG über die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen, Coburg, Tel. 09561/89 – 1576 oder E-Mail
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