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Auf den Weg gemacht

Kleiner Ausflug in die Holzbildhauerei: Sommerakademie in Empfertshausen mit Teilnehmern "auf der Walz"

EMPFERTSHAUSEN Holzbildhauer Martin Gennert aus der Nähe von Hildburghausen hatte in dieser Woche zum vierten Mal zur Sommerakademie in die Schnitzschule Empfertshausen eingeladen. Fünf Gesellen verschiedener Handwerksberufe folgten seinem Ruf. Vier von ihnen befinden sich derzeit auf Wanderschaft. Alle haben eins gemeinsam: Sie sind keine Holzbildhauer, wollen sich aber ein paar Grundfertigkeiten aneignen.

Zimmerer Andreas ist aus dem Südschwarzwald und machte in Empfertshausen Station. Fotos: Göring   » zu den Bildern

Man spricht sich mit dem Vornamen an. Helene aus Rotenburg/Wümme ist Polsterin/Raumausstatterin. Mareike aus der Nähe von Bremen in Zimmerin. Zimmerer ist auch der Beruf von Lasse aus Nordfriesland und von Andreas aus dem Südschwarzwald. Bettina aus Goßmannsrod bei Hildburghausen ist gelernte Porzellanmalerin und hat schon mal an der Sommerakademie teilgenommen. Für alle anderen ist dieses handwerkliche Weiterbildungsangebot Neuland.

Dozent Martin Gennert hat die Inhalte in Theorie und vor allem viel Praxis gegliedert. Er will seinen Schülern auf Zeit einen kleinen Einblick in das gewähren, was er von der Pike auf gelernt hat. "Ziel ist es vor allem, den Teilnehmern aus den anderen Handwerksbereichen zu zeigen, welche Formen der holzbildhauerischen Darstellung es gibt, die man beispielsweise in Hausdielen oder an alten Fachwerkhäusern findet." Nach diesem einwöchigen Seminar sollen die Teilnehmer in der Lage sein, solche Verzierungen zu erkennen, zeitlich und thematisch einzuordnen und gegebenenfalls auch kleine Restaurierungen selbst vorzunehmen. Baumhistorie, Ornamentik, Schriftbilder, florale Muster bis hin zum Hochrelief - all das steht auf dem Programm. "Ich hatte mich vorher schon mit dem Kerbschnitzen beschäftigt, das interessiert mich, auch um mich selbst zu befähige, damit umzugehen", sagt Lasse. Für Bettina, die es gewohnt ist, mit einem ganz anderen Werkstoff zu arbeiten, geht es vorrangig erst einmal darum "Gefühl für das Material Holz" zu bekommen. Helene sieht in diesem Angebot eine Möglichkeit, sich mit einem anderen Betätigungsfeld vertraut zu machen, das aber eben doch auch etwas mit Gestaltung zu tun hat.

Über den Dachverband der Wandergesellen, die Confédération Compagnonnages Européens - Europäische Gesellenzünfte (C. C. E. G.) ist sie auf die Sommerakademie in Empfertshausen aufmerksam geworden. Die Nachrichtenübermittlung klappt auch ohne Handy. Ein Verzicht, der den Wandergesellen offenbar nicht so schwer fällt. Dann und wann melden sie sich bei den Lieben zu Hause. "Die schönste Sache ist die Postkarte", sagt Helene.

Näher als 50 Kilometer darf sie während ihrer Tour sowieso nicht an ihren Heimatort herankommen. Dafür ist sie sonst schon ganz schön rumgekommen - in Deutschland und im deutschsprachigen Raum. Für Helene ist der Abstecher nach Empfertshausen eine Bildungsreise, wie sie sagt, und eine gute Gelegenheit, sich mit Kollegen anderer Gewerke auszutauschen. "Fernweh, Leidenschaft fürs Handwerk und ein kleines bisschen Verrücktheit", antwortet sie auf die Frage, was sie antreibt, eine mindestens dreijährige Wanderschaft auf sich zu nehmen.

Auf Mareike, die Zimmerin aus Norddeutschland, übte die Wanderschaft schon immer eine gewisse Faszination aus. Sie wusste aber erst einmal nicht, ob sie sich das auch tatsächlich trauen würde. Schließlich warf sie die Bedenken über Bord. "Ich musste es probieren." Und hat es nicht bereut. "Ich würde es jedem Handwerksgesellen empfehlen. Es bringt einen beruflich und persönlich weiter."

Um die 400 Gesellinnen und Gesellen, so schätzen Helene und Dozent Martin Gennert, sind derzeit hierzulande unterwegs. Ohne Mobiltelefon und Laptop, ohne eigenes Fahrzeug, dafür zu Fuß und per Anhalter. 10 bis 15 Prozent von ihnen sind Frauen, vermutet Mareike.

Bis nach Griechenland ist Andreas schon gekommen. Auch er hat die Wanderschaft "keine Sekunde bereut. Ich hatte ein ziemlich altbackenes Bild davon und habe nun erst gemerkt, wie zeitgemäß das eigentlich ist."

Neben den vielen persönlichen Bekanntschaften und den handwerklichen Fertigkeiten, die er dazugelernt hat, schätzt er vor allem an der Wanderschaft, dass er "viel entspannter im Umgang mit allem" geworden ist.

Dass es diese alte Tradition einmal nicht mehr geben könnte, kann sich Mareike nicht vorstellen. Früher seien die jungen Gesellen aus Gründen der Ausbildung und aus der Not heraus auf Wanderschaft zu gehen. Das sei heute nicht mehr so. Dafür spielten die Reise- und Abenteuerlust eine größere Rolle. "Und das bleibt ja".yv

    
    

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