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Beifallsstürme, aber auch enttäuschte Erwartungen

Der 2. Januar jeden Jahres ist längst ein fester Termin im Kalender des Stadttheaters - da wird zum Neujahrskonzert der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach eingeladen.

Die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach musizierte im Stadttheater Hildburghausen unter Leitung von Stefanos Tsialis. Fotos: W. Swietek  

Der 2. Januar jeden Jahres ist längst ein fester Termin im Kalender des Stadttheaters - da wird zum Neujahrskonzert der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach eingeladen.

HILDBURGHAUSEN Recht ungewohnt bei den zur Tradition gewordenen Neujahrskonzerten im Stadttheater Hildburghausen - die Meinungen der Zuhörer gingen am Mittwochabend weit auseinander. Da waren die einen, die sich von dem furiosen Spiel des "Königs der Zaubergeiger" Roby Lakatos begeistern ließen, ihm stehenden Applaus spendeten und ihn nicht ohne Zugabe gehen ließen. Andere hatten ein Neujahrskonzert wie in all den Jahren zuvor erwartet, mit Klängen vom Walzerkönig Johann Strauß, und sahen sich nun den ganzen Abend überwiegend mit Zigeunermusik - was keinesfalls despektierlich gemeint ist! - konfrontiert. Ihre Erwartungen wurden also nicht erfüllt, obwohl auch sie die musikalische Meisterschaft von Roby Lakatos und seinem Ensemble nicht in Abrede stellen konnten.

Es ist anzuerkennen, dass die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach einmal etwas Neues bieten wollte. Doch wer mit Traditionen bricht, neue Wege gehen will, muss auch damit rechnen, dass nicht alle diesen Weg mitgehen wollen.

Über fast acht Jahrzehnte haben die Wiener Philharmoniker den Begriff "Neujahrskonzert" geprägt, Millionen an Zuhörern auf der ganzen Welt hängen zu Neujahr bis zum heutigen Tag an den Bildschirmen. Und niemanden stört es, wenn sie zum wiederholten Mal den "Kaiserwalzer" oder "An der schönen blauen Donau" hören. Weil eben ihre Erwartungen voll erfüllt werden. Wer ins Weihnachtsoratorium geht, will eben Bach hören, und nur Bach, und nicht Rock oder Pop. Was nicht gegen diese Musikrichtung spricht. Und es stört niemanden, wenn die einzige Variante der Wechsel zwischen den sechs Kantaten ist.

Nun ist Hildburghausen nicht Wien, die Thüringen Philharmonie nicht die Wiener Philharmoniker. Doch die Musiker haben es in den vergangenen Jahren ebenso geschafft, in dem kleinen, aber gediegenen Residenztheater Hildburghausen mit Walzern, Polkas und Wiener Schmäh die gleiche Begeisterung zu schaffen wie ihre großen Kollegen in der Donaumetropole Wien. Das hautnahe Erleben der Musiker ist ohnehin nicht vergleichbar mit Fernsehbildern.

Nun also etwas Neues. "Im Dreivierteltakt ins neue Jahr gestartet", war 2019 also nicht. Die Musiker der Thüringen Philharmonie, sonst die Hauptakteure, saßen über lange Strecken als aufmerksame Zuhörer auf der Bühne, während die sechs Musiker des ungarischen Ensembles um Stargeiger Roby Lakatos im Rampenlicht standen und sich mit atemberaubender Sicherheit und künstlerischer Meisterschaft die Finger wund spielten. Hin und wieder durften sie sich als eine Art Backroundklang am Konzert beteiligen. Ihr Konzertmeister Alexej Barchevitch - der in früheren Neujahrskonzerten des Öfteren seine Klasse unter Beweis gestellt hatte - war hinter dem Kontrabass von Vilmos Csikos auch optisch so gut wie nicht zu sehen, ein fast schon symbolisches Zeichen. Nur zu Beginn des Konzertes konnten sich die Thüringer Musiker unter Leitung ihres Dirigenten Stefanos Tsialis mit der Ouvertüre aus "Der Zigeunerbaron" von Johann Strauß jr. und später noch beim Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms allein in die Herzen der Zuhörer spielen.

Um Missverständnisse auszuschließen - der Zwiespalt unter den Zuhörern hat nichts, aber auch gar nichts mit der Leistung der musikalischen Gäste aus Ungarn zu tun, lediglich mit den (vorgefassten) Erwartungshaltungen einiger Besucher, die nicht bereit waren, "den Hebel so schnell umzulegen" und ein anderes, großes Musikereignis zu genießen. Und das war es zweifelsohne.

Roby Lakatos ist Geiger in der siebten Generation nach dem großen "Zigeunergeiger" János Bihari, von dem sich schon Johannes Brahms zu seinen Ungarischen Tänzen inspirieren ließ, wie auch Beethoven und Liszt zu den Bewunderern von János Bihari gehörten. Roby Lakatos nun hat ein neues Kapitel in der Musik der Roma und Sinti aufgeschlagen, so wird ihm nachgesagt. "Diesem außergewöhnlichen Künstler ist etwas gelungen, was über Jahrhunderte kaum jemand außerhalb Ungarns für möglich gehalten hätte: Die Verschmelzung der traditionellen Techniken der Zigeuner mit der klassischen Technik. Es ist die Verbindung mit einer festgefügten musikalischen Tradition, gepaart mit der fundierten Ausbildung an einer Musikhochschule, die das Spiel des Roby Lakatos so vielschichtig macht."

Wer sich darauf eingelassen hat, der hat ein musikalisches Highlight erlebt. Allein der berühmte "Csárdás" von Vittorio Monti - das Paradestück aller großen Geiger - am Ende des Programms wäre des Kommens wert gewesen. Hier durfte dann (endlich) auch der 1. Konzertmeister der Thüringen Philharmonie Alexej Barchevitch zeigen, was er für ein brillanter Geiger ist. Gemeinsam mit Roby Lakatos spielte er dieses Bravourstück - Geigenkunst im Doppelpack.

Ob der Radetzky-Marsch, den das Orchester als Zugabe spielte, die Enttäuschten noch umstimmen konnte? Das war dann die Musik, die sie eigentlich den ganzen Abend erwartet hatten.

W. Swietek

    
    

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