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Leser schreiben: "Von Feinden zu Freunden"

Es war im Sommer 2017 als das Telefon bei mir klingelte. Die Anruferin erklärte, sie sei aus Nürnberg und sie suche meinen Vater Rudi Lorenz und gab an, dass er doch in Amerika im 2. Weltkrieg in Gefangenschaft war.

Geburtstagskarte aus dem Jahre 1944.   » zu den Bildern

Es war im Sommer 2017 als das Telefon bei mir klingelte. Die Anruferin erklärte, sie sei aus Nürnberg und sie suche meinen Vater Rudi Lorenz und gab an, dass er doch in Amerika im 2. Weltkrieg in Gefangenschaft war. Ich war so aufgeregt, dass nach so langer Zeit ein ehemaliger Gefangener gesucht wurde. Was war der Anlass?

Mein Vater war in Tennessee in einem Gefangenenlager. In der Nähe wohnte ein Ehepaar namens Brocks, das Arbeiter für ihre Farm brauchte. Sie suchten sich sechs junge Deutsche aus und unter anderem auch meinen Vater Rudi. Mein Vater berichtete oft, wie gut sie behandelt wurden, gutes Essen bekamen und respektiert wurden. So entwickelte sich eine echte Freundschaft zwischen der Familie Brocks, der die Farm gehörte und meinem Vater und seinen Eltern. Es wurden viele Briefe und Bilder - noch im Original vorhanden - hin und her geschickt. Nach dem Krieg sollte mein Vater in Tennessee bleiben, aber das Heimweh war größer und er kehrte wohlbehalten in seine Heimatstadt Sonneberg zurück. 1948 heiratete er, zog nach Wallrabs. Die Freundschaft mit der Farm Brock blieb bestehen bis die DDR gegründet wurde, dann gingen keine Briefe mehr nach Amerika. Erst im Sommer 2017 ging die Suche nach meinem Vater wieder los. Es ist unglaublich. Die Nachfahren der Familie Brocks fanden die Briefe auf dem Dachboden ihres Hauses und übergaben sie der Lipscomb University, einer privaten Universität in Nashville Tennessee.

Diese Universität ist eine glaubensbasierte, liberale Kunsteinrichtung, die sich der Herausforderung widmet, Schüler akademisch, spirituell und als globale Bürger der Gemeinschaft herauszufordern. Und so begann die Geschichte eines deutschen Jungen in Amerika.

Von der Universität wurden die Briefe und Bilder akribisch aufgearbeitet und ein Buch mit dem Titel "One Man’s Vision ... One County’s Reward" geschrieben. Auch eine Ausstellung wurde vorbereitet. Im September 2017 trafen wir uns mit einem amerikanischen Team der Universität Lipscomb zu einem Interview in Sonneberg. Mit dabei war eine Dolmetscherin der Universität und Prof. Alan Griggs, der zurzeit als Gastprofessor in Österreich weilte. Er war auch sehr gerührt, dass es nach so langer Zeit noch Briefe und Bilder gibt und ist der Meinung, dass solche geschichtlichen Dinge gut aufgearbeitet werden müssen. Seine amerikanischen Studenten sind sehr wissbegierig, auch was die Geschichte des 2. Weltkriegs angeht.

Es gab in Amerika trotz der Kriegsjahre auch Menschen, die sehr sozial und menschlich handelten. Mein Vater hatte Glück, bei solch einer Familie aufgenommen zu werden. Immer etwas zu Essen zu haben, das war im 2. Weltkrieg nicht selbstverständlich. Viele Menschen wussten nicht, dass es in Amerika auch deutsche Gefangene gab.

Im Januar 2018 haben wir uns noch einmal mit der Familie aus Nürnberg und deren Tochter, die an der Universität in Tennessee studiert, getroffen. Sie will auf jeden Fall diese unglaubliche Geschichte mit ihrem Professor weiter verfolgen.

Nun ist es an der Zeit einmal nach Amerika zu fliegen, wo mein Vater als 20-Jähriger seine "Jugend" verbrachte. Es ist und bleibt einfach unglaublich!

Regina Müller

(geb. Lorenz)

aus Wallrabs

    
    

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