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"Ich wurde in die Arbeit hineinberufen"

Konrad Müller, Gabi Ullrich und Lutz Ostheim-Dzerowycz schätzen das Leben. Ihr besonderer Beruf zeigt, warum und weshalb Freude eine gute Therapie ist.

MEININGEN Feuerwehrmann, Arzt oder Schauspieler. Wenn man Kinder nach ihrem Berufswunsch fragt, bekommt man viele Träume und Zukunftsperspektiven zu hören. Hospizbegleiter werden zu wollen, gehört wohl nicht dazu.

Lutz Ostheim-Dzerowycz, Gabi Ullrich und Konrad Müller (v. l.) lotsen Familien durch schwierige Lebensgewässer. Foto: sb  

MEININGEN Feuerwehrmann, Arzt oder Schauspieler. Wenn man Kinder nach ihrem Berufswunsch fragt, bekommt man viele Träume und Zukunftsperspektiven zu hören. Hospizbegleiter werden zu wollen, gehört wohl nicht dazu. Manchmal hat man das Glück, in seinem Traumberuf arbeiten zu können; manchmal führt einen das Leben aber auch an ungewöhnliche Orte. Sei es, dass man einen Beruf ergreift, um den die meisten Menschen einen Bogen machen oder dass man gar nicht in das Alter kommt, um arbeiten zu können. Wie man mit dem einen oder anderen umgeht, erzählen drei Lebensgeschichten, die sich Ende 2016 erstmals kreuzten.

AMBULANTER KINDER- UND JUGENDHOSPIZDIENST

K Insgesamt 70 ehrenamtliche Erwachsenen-Hospizbegleiter und 12 ehrenamtliche Familienbegleiter arbeiten im Hospizdienst.

K Die Diakonie ist Träger des Hospizdienstes, jede Glaubensrichtung ist aber willkommen.

K Von Wasungen über die Rhön bis hin nach Suhl können Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr mit einer
lebenslimitierenden Krankheit begleitet werden. Nur ein kleiner Anteil der Betroffenen sind Krebserkrankte. Oft werden Kinder und Jugendliche mit
Gendefekten oder Autoimmunerkrankungen begleitet, Erkrankungen, die man einem nicht immer ansieht. Zwei Familien aus der Region werden aktuell begleitet.

K Vertrauen ist das A und O bei der Arbeit. Sowohl Familien als auch Begleiter können jederzeit die Hilfe pausieren lassen oder beenden.

K Künftig wird im Rahmen des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes auch eine ambulante Trauerbegleitung aufgebaut.

K Spenden, die den Familien zugute kommen (beispielsweise für anfallende Reisekosten zu Arztterminen, die nicht von den Krankenkassen getragen werden) und die in die Ausbildung der Begleiter investiert werden, sind immer erwünscht. Mehr Informationen dazu unter: www.sozialwerk-meiningen.de


Drei Leben, drei Wege, ein gemeinsamer Wunsch: Sterbenskranke Kinder- und Jugendliche zusammen mit ihren Familien begleiten und ihnen Freude bringen. Sozialwerk-Bereichsleiter Konrad Müller, Koordinatorin Gabi Ullrich und Lutz Ostheim-Dzerowycz, ehrenamtlicher Koordinator und Familienbegleiter des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Meiningen, sitzen zusammen an einem runden Tisch, es wird gelacht. Täglich setzt sich die kleine Gruppe jedoch mit einem Thema auseinander, über das viele auch in der heutigen Zeit kaum sprechen mögen, vor allem, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind - der letzte Lebensabschnitt.

Es geht ums Leben, nicht um den Tod

"Natürlich muss man sich irgendwann zwangsläufig mit dem Tod befassen, das lässt sich nicht ändern. Aber bei unserer Tätigkeit geht es nicht ums Sterben, sondern es geht ums Leben. Und dieses so positiv wie möglich zu gestalten! Es darf und soll gelacht und gelebt werden", klärt Lutz Ostheim-Dzerowycz auf. "Bei Kindern und Jugendlichen gibt es einen Unterschied zu der Erwachsenen-Hospizbegleitung. Bei uns stehen zum Beispiel genauso die Geschwisterkinder der Betroffenen im Mittelpunkt, da diese oft ebenfalls leiden, früher Verantwortung übernehmen und sich häufig zurücknehmen müssen", erzählt Gabi Ullrich. "Wir versuchen, gemeinsam mit den Familien Normalität zu finden. Wobei natürlich jede Familie ihre ganz eigene Normalität hat", so Lutz Ostheim-Dzerowycz.

Doch wie kommt man überhaupt, ob ehrenamtlich oder hauptberuflich, zu einer solchen Arbeit? "Ich wurde in die Arbeit hineinberufen", verrät Konrad Müller. "Nach einer Hospizbegleiter-Ausbildung in Bad Salzungen habe ich 2009 als Koordinator im stationären Erwachsenen-Hospiz der Sozialwerk Meiningen gGmbH angefangen. Auch wenn es der Verstand noch nicht richtig mitbekommen hat, was dahinter steckt, so führte mein Weg immer hierher. Denn erst mit der Arbeit konnte ich selbst den Tod meines Vaters richtig verarbeiten. Konnte trauern und Abschied nehmen. Besonders in der DDR und der Generation unserer Eltern war der Tod ein schwieriges Thema, das man am liebsten verdrängt hat. Leider geht das manchen bis heute so. Und für Kinder und Jugendliche war und ist das noch einmal etwas anderes", berichtet Konrad Müller. "Die Idee zum Aufbau eines Kinder- und Jugendhospizdienstes hatte ich schon lange im Kopf." Zusammen mit Gabi Ullrich und Lutz Ostheim-Dzerowycz realisierte sich dieser Plan Anfang des vergangenen Jahres.

Gabi Ullrich: "Ich hatte auch immer wieder in meinem Leben mit dem Tod zu tun. Zwanzig Jahre habe ich als Krankenschwester im Blindeninstitut Schmalkalden gearbeitet und sterbenskranke Kinder begleitet. Im Krankenhaus mit all den Maschinen ist oft alles steril, das Menschliche fehlt. Deshalb suchte ich nach mehr und habe mich zur Erwachsenen-Hospizbegleiterin ausbilden lassen; später auch in der Palliativmedizin." 2017 traf sie dann erstmals den Neu-Meininger Lutz Ostheim-Dzerowycz. Mit ihm sprang sie "zusammen in ein Boot" und baute gemeinsam mit Konrad Müller den ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst auf.

Lutz Ostheim-Dzerowycz stammt aus Neuruppin und lebte einige Jahre in Hamburg. "Ich war Mitte zwanzig und wurde einfach auf der Straße angesprochen, ob ich nicht bei einem Besuchsdienst im Hospiz helfen wolle. Da wurde mein Eifer geweckt, Gutes tun zu wollen, ohne zu missionieren. Das war in den 90-er Jahren, die waren sehr abenteuerlich. Auch in unserer Familie gab es Verluste. Aber ich habe lernen dürfen, dass ich Menschen in meinem Leben hatte, die ich nie vergessen werde", blickt Lutz Ostheim-Dzerowycz zurück. Am Nikolaustag 2016 traf er, nachdem er in die Theaterstadt gezogen war, schließlich Konrad Müller. Die Chemie der beiden Helfer stimmte auf Anhieb.

"Die Arbeit fordert einen mit Geist, Leib und Seele", erzählen die Hospizbegleiter, die trotz der nicht leichten Alltagskost gern diesen Beruf ausüben. "Man bekommt sehr viel zurück. Denn Kinder gehen ganz anders mit schlechten Nachrichten als Erwachsene um. Vor allem in der Trauer. Sie erleben sie oft in Pfützen, in die sie ab und zu hineinspringen, aber aus denen man sie auch schnell wieder herausholen kann, während Erwachsene sich eher in einem großen Trauersee ertränken", analysiert Lutz Ostheim-Dzerowycz.

Wen wundert es also, dass die Jüngsten ganz pragmatisch mit einer lebensverkürzenden Diagnose umgehen. Der Berufswunsch rückt auf einmal in weite Ferne und das Hier und Jetzt ist entscheidend. Man kann schließlich auch als Kind schon ein Flammeninferno löschen oder auf der ganz großen Bühne stehen, zumindest im Spiel. Und das ist ein Wert, den sich Erwachsene manchmal wieder in Erinnerung rufen sollten, so kann man auch in schwierigen Zeiten und bei schweren Themen gemeinsam lachend an einem Tisch sitzen. (sb)

    
    

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