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Ursula Holzapfel: Eine Schmalkalder Malerin

Malerin und Fotografin, Meisterin im Erzählen von Geschichten und immer bescheiden

Von Herbert Frübing SCHMALKALDEN "Haben Sie schon einmal versucht, einen Freund oder eine Freundin zu beschreiben? Versuchen Sie es lieber nicht! Es ist eine große Verantwortung, die

Bilder und Zeichnungen von Ursula Holzapfel, sie selbst war "kamerascheu". Repro (2): Herbert Frübing   » zu den Bildern

Von Herbert Frübing

SCHMALKALDEN "Haben Sie schon einmal versucht, einen Freund oder eine Freundin zu beschreiben? Versuchen Sie es lieber nicht! Es ist eine große Verantwortung, die da auf Ihnen plötzlich lastet." - Mit diesen Worten begann im Jahr 2010 meine Laudatio auf die Künstlerin und Freundin Ursula Holzapfel. Damals war sie 85 Jahre alt und die Ausstellung im Landratsamt war zu Ehren ihres Geburtstages.

Damals ahnte ich nicht, dass ich noch einmal in Erinnerung an ihren 95. Geburtstag ein paar Sätze über sie schreiben würde. Am 4. Mai 1925 wurde Ursula Holzapfel "Hinter der Stadt 7" in Schmalkalden geboren. 50 Jahre später wurden wir Nachbarn und in den neunziger Jahren begann unsere Freundschaft. "Sie sind doch beim Landratsamt, kennen Sie nicht jemanden, der mir für Geld und gute Worte den Rasen mäht?" Diesen Satz hörte ich vor etwa 30 Jahren von ihr und damit begann eine lange und wunderbare Freundschaft.

"Für Geld mache ich es nicht", sagte ich, als ich mir den Rasen in ihrem großen Hanggarten angeschaut hatte. "Aber für gute Worte". Gute Worte habe ich in den vielen Jahren unserer Freundschaft oft von ihr bekommen und auch viel von ihr gelernt.

Als Kind war ich manchmal im Welgerstal und im Herbst kauften wir bei ihrem Vater, einem ehemaligen Postbeamten, Quitten, die dann zu Gelee verarbeitet wurden. Ursula Holzapfel kannte ich zu jener Zeit noch nicht. Nur der gepflegte Terrassengarten fiel mir auf. Dass das alles der Tochter Ursula zu verdanken war, wusste ich nicht.

Ursula Holzapfel liebte diesen Garten. Er und die spätere Pflege ihres Vaters und vor allem die Kunst wurden ihr Lebensinhalt. Für Mann und Kinder war keine Zeit. Eigentlich wollte sie Künstlerin werden. Doch der Zweite Weltkrieg kam dazwischen, Ursula studierte ein Semester lang Biologie an der Uni Göttingen und musste, wie andere Studienanfänger, zum Kriegsdienst und in der Rüstungsindustrie mithelfen. Sie kam in die "Löffelbude" H.A. Erbe.

Endlich in den Jahren 1948 bis 1951 konnte sie an der Landesschule für angewandte Kunst in Erfurt eine Ausbildung im Fach Gebrauchsgrafik absolvieren. Ursula Holzapfel wurde im Verband Bildender Künstler aufgenommen und war freiberuflich tätig. 1952 erhielt sie kurzzeitig beim Landesverband Thüringer Konsumgenossenschaften eine Anstellung. Ein Jahr nach der Auflösung des Verbandes bekam Ursula Holzapfel die Stelle eines Gebrauchsgrafikers am Thüringer Museum Eisenach, die sie bis 1985 inne hatte.

Aus dieser Zeit stammen unzählige Ausstellungskataloge, die sie gestaltete. Vor allem war sie aber auch als Fotografin unterwegs. Hier arbeitete sie unter anderem für die Evangelische Verlagsanstalt Berlin. Mit einer 6x6 Kamera und einem Holzstativ war sie damals unterwegs. Als Ergebnis dieser Arbeit entstand das Büchlein "Kirchen in und um Schmalkalden". Das war im Jahr 1968. Für die erste Auflage dieses Büchleins waren 3000 Exemplare geplant. Im Vertrag dazu ist zu lesen: "Bildautorin erhält für die erste Auflage ein Honorar von M 20,-- für jedes in dem Buch zur Veröffentlichung kommende Foto."

Dass das Fotografieren einen großen Teil ihres künstlerischen Schaffens ausmachte (Zeugnisse davon gibt es in vielen Bildbänden und Katalogen) hat sie allerdings nie erwähnt.

Erst als ich vor vielen Jahren ihren Haushalt sichten und auflösen musste, habe ich alle Dinge, die ihr gehörten, in die Hand nehmen müssen. So ging ein ganzes Leben durch meine Hände und ich erlebte so manche Überraschung. Da gibt es zum Beispiel "Ein Märchen vom unzufriedenen Stups" - Schrift und Abbildungen dazu wurde von Ursula Holzapfel gezeichnet. Es entstand 1948.

Sie war ein Meister im Geschichten erzählen, nur um sich selbst hat sie nie viel Aufhebens gemacht. Zu ihrem 80. Geburtstag sagte sie: "Ich mag es nicht, wenn um mich so ein Gedöns gemacht wird".

Die Schmalkalder kannten sie aber vor allem als Malerin. Zweimal hat sie auf dem Schloss Wilhelmsburg ihre Arbeiten ausgestellt. Jedes mal war sie unsicher, ob man die Bilder überhaupt der Öffentlichkeit zeigen kann.

Dabei sind es wunderbare Pastelle - sensible Naturporträts, Blumen- und Pflanzenbilder in einer außerordentlichen Zartheit auf das Papier gebracht. Der damalige Museumsdirektor Dr. Eckardt schrieb von einem lebensbejahenden Optimismus, der die Bilder auszeichnet. Das war 1993.

Im Jahr 2000 hat sie noch einmal die Möglichkeit, ihre Arbeiten auf dem Schloss zu zeigen. Auch hier dominierten ihre Naturporträts. "Es ist Schönheit im Kleinen" sagt sie dabei selbst über ihre Bilder.

Als ich zehn Jahre später eine Ausstellung im Landratsamt gestalten will, ist sie der Meinung, dass es nichts Sehenswertes mehr von ihr gibt. Ich bekomme trotzdem die Genehmigung und bin diesmal bei der Auswahl ihrer Bilder auf mich alleine gestellt. Und wir sind beide überrascht, was für hervorragende Zeichnungen und Pastelle noch zum Vorschein kommen.

Ich fand faszinierende Zeichnungen und grafische Arbeiten, sowie Scheren- und Linolschnitte aus früheren Zeiten, die in Schmalkalden mit Sicherheit noch nicht zu sehen waren. Sie sind alle zart und voller Poesie.

Das Hauptwerk sind allerdings ihre Pastelle. In ihnen spiegelt sich die Liebe zur Natur und zu ihrem wunderschönen Garten wider. Hier ist die Blütenpracht, die den Garten das ganze Jahr über verzauberte.

Sie hatte fürwahr einen grünen Daumen und so war es kein Wunder, dass sich einige Raritäten in ihrem Garten angesammelt hatten und sich sogar unscheinbare Orchideen im Rasen von alleine ansiedelten. Sie schaffte es selbst aus Blumensträußen herrliche Rosenstöcke zu ziehen.

Und ich glaube die Dankbarkeit darüber auch in ihren Pastellen wieder zu erkennen.

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Ursula Holzapfel im Seniorenheim "Haus Werragarten" in Breitungen. Auch hier hatte sie das Malen nicht aufgegeben. Solange es ihr möglich war, hat sie zur Pastellkreide gegriffen. Die Pflanzen und Bäume vor ihrem Fenster sind jetzt ihre Motive. Auch gelesen hatte sie noch viel und konnte mit über 90 Jahren noch manches Gedicht auswendig.

Beim Durchschauen ihrer Unterlagen zu Hause fand ich einen Text, den sie mit Schreibmaschine aus einem Buch abgeschrieben hatte. Es ist ein Text des Franzosen Jacques Prevert. Ein Text, der sie und auch mich fasziniert hat und der, so glaube ich, auch ganz viel mit der Kunst von Ursula Holzapfel zu tun hat. "Wie man einen Vogel malt", heißt er:

"... Male zuerst einen Käfig mit einer offenen Tür, dann male irgendetwas Hübsches, irgendetwas Einfaches, irgendetwas Schönes, irgendetwas Nützliches.

Was nun den Vogel angeht, so lehne die Leinwand an einen Baum in einem Garten, in einem Wäldchen. Verbirg dich hinter dem Baum ohne zu sprechen, ohne dich zu rühren... Bisweilen kommt der Vogel bald, aber er kann ebenso viele Jahre brauchen, bis er sich dazu entschließt. Verliere nicht den Mut. Warte, warte wenn’s sein muss jahrelang, denn der rasche oder langsame Anflug des Vogels hat nichts zu tun mit dem Gelingen des Bildes.

Wenn der Vogel kommt, falls er kommt, so sei ganz still, warte bis der Vogel in den Käfig schlüpft und wenn er hineingeschlüpft ist, schließe mit dem Pinsel leise die Tür. Dann tilge nacheinander alle Gitterstäbe aus, wobei du keine einzige Feder des Vogels berühren darfst.

So dann male den Baum und wähle den schönsten seiner Äste für den Vogel. Male auch das grüne Laub und den frischen Wind, den Sonnenstaub und das Gesumm der Grastiere in der Sommerglut und dann warte, ob der Vogel sich entschließt zu singen.

Wenn der Vogel nicht singt, so ist es ein schlechtes Zeichen - ein Zeichen, dass das Bild schlecht ist. Aber wenn er singt ist es ein gutes Zeichen, ein Zeichen dafür, dass du das Bild mit deinem Namen zeichnen darfst. Dann zupfst du ganz sacht eine Feder aus dem Vogelgefieder und schreibst in eine Ecke des Bildes deinen Namen nieder..."

Dieser Text ist so poetisch und wundervoll und ich glaube, er trifft auch auf Ursula Holzapfel und ihre Bilder zu. Ich habe beim Betrachten ihre Bilder sehr oft gespürt, das der Vogel gesungen hat. Ursula Holzapfel hatte auf ihren Bildern nur unter rechts ein sehr kleines Signum " U.Ho." und die Jahreszahl. Das wiederum zeigt ihre Bescheidenheit.

Von Ursula Holzapfel ist bei ihren Freunden ein Satz überliefert, der seit Jahren bei uns als "geflügeltes Wort" gilt: " Wenn ich wo wär‘, ich ginge jetzt" Das hatte sie immer gesagt, wenn es mal wieder spät geworden war.

Nun ist Ursula Holzapfel im März vorigen Jahres kurz vor ihrem 94. Geburtstag für immer von uns gegangen.

Am Montag, den 4. Mai 2020 wäre sie 95 Jahre alt geworden. Sie hinterlässt eine Bibliothek mit über 1000 Büchern und unzählige Bilder. Aber vor allem hinterlässt sie Spuren, die weiterhin wirken und Zeiten überdauern. Spuren sind Sinn und Zweck eines erfüllten Lebens. Außerdem hinterlässt sie viele Freunde in Eisenach und besonders in Schmalkalden, die sie nicht vergessen werden. Das ist das Schönste, was einem passieren kann.

    
    

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Wochenspiegel Thüringen-Ausgaben vom 23.05.2020

    
    
    
    

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