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Geschichten der Schwarzgeherei werden wieder in Gehlberg erzählt

Sechs thematische Schauen werden zum "Thüringer Museumspark" im Ort am Schneekopf

Von Sabine Gottfried GEHLBERG So übertrieben ist es nicht, wenn gesagt wird: Gehlberg ist die Schlechtwettervariante von Oberhof.

Im völlig neu gestalteten Gehlberger Wilderermuseum schauen sich in der Wildererstube Inge Reh (l.) und Erika Elflein vom Verein alles nochmal in Ruhe an. Foto: got  

Von Sabine Gottfried

GEHLBERG So übertrieben ist es nicht, wenn gesagt wird: Gehlberg ist die Schlechtwettervariante von Oberhof. Freilich kann man bei trübem Herbstwetter oben in der Stadt trefflich baden und saunieren im Wellnesstempel. Der Heimat- und Glastraditions-Interessierte aber findet keine zehn Kilometer weiter am Hang des Schneekopfs in Gehlberg einen Anziehungspunkt, der nach 24 Jahren des Bestehens mehr und mehr von sich reden macht. Mitten im etwa 700-Einwohner-Ort präsentiert das Herrenhaus der früheren Glasfabrikanten-Familie Gundelach Glasmuseum mit Heimatstube und seit Mitte September nun auch wieder das lange hier angestammte Wilderermuseum.

Dessen Einrichtung hatte Betreiber und Wilderer-Geschichtsforscher Andreas Ziebell aus Jesuborn recht überraschend nach ein paar Streitigkeiten abgezogen und den Großteil an das neue Schmiedefelder Wilderermuseum verkauft. Die Gehlberger wollten sich mit dem Aus nicht abfinden, auch Besucher fragten immer nach der Wilderer-Schau. Nun ist sie im Erdgeschoss soweit komplett und ein wichtiger Mosaikstein für einen entschlossenen Plan in Gehlberg.

Sechs thematische Einrichtungen sollen künftig zum regionalen "Thüringer Museumspark" der Gipfelregion werden, getragen vom Verein Gehlberger Glastradition, unterstützt von der Gemeinde und dem Ilm-Kreis. Das heißt auch: Falls die Fusionspläne mit Suhl einmal aufgehen sollten, könnte die fast 30 Kilometer entfernte Stadt punkten mit: Glas-, Heimat-, zweimal Wilderer-, sowie mit Postamts- und Wettermuseum. Dazu ist man in Gehlberg auf bestem Wege.

Die in der Glasmacherstraße gegenüber etablierte exzellente Postgeschichtssammlung von Hartmut Trier soll in den Museumspark eingebracht werden. Mit einem Wettermuseum im Gundelach'schen Haus in Gehlberg soll an den langjährigen, bekannten Standort der Wetterstation auf der Schmücke angeknüpft werden. Erste Gespräche laufen schon. Wetterkunde der Frühzeit, Bauernregeln, Überlieferungen von Wetterhexen oder -heiligen dürften im Museum auf große Besucherresonanz stoßen. Ist doch das Thema Wetter - zumal hier auf dem rauen Dach des Thüringer Waldes - oftmals Alltagsgespräch Nummer eins.

Viele Gehlberger nehmen das Projekt ernst, sind und haben zahlreiche Unterstützer und hoffen auf finanzielle Förderung. Ein thematisch so breit aufgestelltes Museum ist ein guter Plan, um für die ganze Besucherfamilie, aber auch Fachleute etwas zu bieten.

Gerade ist Toralf Brandt aus Holzhausen beim Feinjustieren eines neuen Schneekopf-Kabinetts. Die Schneekopfkugeln mit prächtigen Einschlüssen von Achat, Quarzkristallen und anderen Mineralien passen als Teil der Heimat- und Geologiegeschichte der Wäldler gut in den Thüringer Museumspark. "Bis zu 250 Millionen Jahre sind sie alt", betont Brandt vorgreifend auf die Frage an den kommissarischen Museumspark-Projektleiter Klaus Irrgang nach den ältesten Exponaten im Haus.

Der Geraberger Ingenieur ist selbst mit Glasgeschichte und Erzeugnissen der Region aufs engste verbunden. Mit ihm kommt man somit an der stattlichen Sammlung Gundelach'scher Röhren nicht vorbei, die ab 1895 kurz nach Röntgens Entdeckung der x-Strahlen lange in Gehlberg meisterlich gefertigt wurden. Erst kürzlich hatte ein renommierter Kenner und Sammler von Röhren aus Bielefeld mit Gehlberger Experten recherchiert und für das Museumspark-Vorhaben auch gespendet.

Gönner und Spender von Geld und Ausstellungsstücken erlebt das Museum derzeit häufig. So waren, erzählt Klaus Irrgang, schon kurz nach der Schließung des Wilderermuseums wieder über 70 Wildtrophäen im Fundus. Ein Suhler Experte für Fallen aus der Zeit der "Schwarzgeherei" und Vogelstellerei brachte Exponate. Tierpräparationen, Felle, Büchsen und Pistolen sowie die Einrichtung einer typischen Wildererstube mit Koch-, Wohn- und Schlafecke empfinden die Epoche nach, da viele Wäldler als "Geschwärzte" aus Armut und Hunger dem Wild nachstellten.

Plötzlich hat der Förster ein Loch im Hut

Der Stubentisch ist bescheiden gedeckt mit gebrochenem Brotkanten und Blechbesteck. Vor dem schmalen Bett mit kupferner Wärmflasche und Rotkariertem liegt eine Saudecke. An der Wand Schneeschuhe, Lodenmantel, der Riffel für die Schwarzebeer, geschnitzte Zwirwel, ein Mufflongehörn, über dem Herd mit dem gusseisernen Tiegel trocknet die Wildlederhose. Erika Elflein und Inge Reh vom Verein gefällt das gut, was sie im neuen Ambiente zusammengestellt haben.

Frau Reh war bis 2008 Revierförsterin. Von Wilderei in der Neuzeit kennt sie selbst keine Anzeichen. Wohl wissend, dass mit heutigen technischen Möglichkeiten das illegale Gewerbe viel unauffälliger betrieben werden kann. Lehrreich finden die Frauen dennoch den Wildererlehrpfad oben im Wald, der u.a. zur Brunftzeit in der "Langen Nacht der Hirsche" durch die Gaststätte "Zum Waldbad" zusammen mit Förstern einbezogen wird.

Daran hätte der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha bei seinen großen Jagden am Schneekopf wohl besonders seinen kulinarischen Spaß gehabt bei Hirsch am Spieß. Die Story von einem kapitalen 18-Ender, den ihm 1899 ein Gehlberger Wilddieb abjagte, ist im Museum dokumentiert, und die schöne Trophäe prangt an der Wand. Präsentiert werden selbst Bär und Steinadler, mit denen es in unserer Region überraschenderweise auch seine Bewandtnis hat.

Sehr erlebnisorientiert haben die Vereinsaktiven mit Vorsitzender Martina Schulz die neue Schau eingerichtet, besonders im Raum der "wilden Wilderer", der tierischen Jäger. Tierlaute begleiten den Besucher. Wenn ein Schuss fällt, hat der Förster plötzlich ein Loch im Hut, viele Vitrinen sind auf Kinderaugen-Höhe, die Texte sind kurz, weniger wissenschaftlich und auch in Englisch.

Der Gehlberger Verein, seine Freunde und auch Bürgermeister Rainer Gier sind froh, dass das Wilderermuseum wieder da ist, "wo es hin gehört", sagt Klaus Irrgang - ins Waldgebiet am Schneekopf. Immerhin hatte schon der Schmücke-Joel (1792-1852) gewünscht, dass man ihn in Oberhof begrabe, und nicht bei der Wildererbande in Gehlberg.

Trotz des krankheitsbedingten Ausfalls von Museums- und Vereinschefin Martina Schulz hält der Verein zusammen und das Museum im Oktober offen: Mi - Fr, 11 - 16 Uhr, Sa, So, Feiertag, 13 - 16 Uhr.

    
    

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