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Der Heinrichser "Platzrettich" war schon immer sehr feierfreudig

Erinnerungen von Hans Schübel und Horst Heurich - sie haben die Heinrichser Kirmes in den 40er Jahren erlebt

HEINRICHS "Bis 1905 gab es noch keine Burschenschaft. Es handelte sich vielmehr um eine klassische Kirmes mit ‚Weibern‘.

Die Burschenschaft Heinrichs führt den Kirmes-Umzug an. Foto-Archiv:: Heinrichser Burschenschaft e.V.  

HEINRICHS "Bis 1905 gab es noch keine Burschenschaft. Es handelte sich vielmehr um eine klassische Kirmes mit ‚Weibern‘. Weil 1906 Frauenmangel herrschte, entstand die Idee, eine reine Burschenkirmes zu veranstalten, welche auch umgesetzt wurde", lassen Hans und Horst wissen.

Treffpunkt in den 30er bis 50er Jahren war damals die Gaststätte "Zum Schießgrund" (auch als Volkshaus zu DDR-Zeiten bekannt). Der zeitliche Ablauf war ähnlich dem heutigen: freitags Birkenstellen und Scholzwahl, danach ging es meistens nach Suhl zum Tanz. Die Kirmes wurde im Hirsch (Veteranenclub, Reinigung Tautenhain) und manchmal auch parallel im Saal Krells Brauerei abgehalten.

Bis 1938 feierte man die Kirmes ohne Unterbrechung. Während des 2. Weltkrieges wurde die Kirmes unterbunden, da Tanzveranstaltungen verboten waren. "Zur Kirmes 1946 habe ich persönlich beim russischen Kommandanten eine Genehmigung eingeholt, damit sie stattfinden durfte", bekräftigt Hans stolz.

"In den Zeiträumen 1947-1949 bestand die Kirmesgesellschaft aus ca. 80-90 Burschen, vor den Weltkriegen teilweise 100 bis 120. Die älteren und dorfbekanntesten hatten organisatorisch und finanziell die Hosen an", erklärt Horst. Zu den Veranstaltungen gab es kein Essen. "Zu dieser Zeit erhielten wir noch rationiertes Essen per Lebensmittelmarken. Die Burschen und auch die Gäste sind zum Essen meistens nach Hause gegangen und teilweise wurden sich Brote geschmiert, in den Anzug gesteckt und zum Tanz mitgenommen. Ich hatte beim Tanz immer ein Brot in der Tasche und war damit auch bei den Mädels erfolgreich", betont Hans.

Zum Umzug am Montag wurden wie heute, Dinge, die in Heinrichs passiert sind, dargestellt. "Meistens wurden Fremdgeher, Diebe oder Trottel bloßgestellt. Der Eintritt zur Tanzveranstaltung betrug eine 1 Mark und 10 Pfennige", schmunzeln Hans und Horst. 10 Pfennige waren der Kulturbeitrag, der an die Stadt abgeführt werden musste. Dazu gab es vorgefertigte Marken, die genauestens abgezählt waren und gegenüber der Stadt rückgerechnet werden mussten. "Als Kapellen spielten damals die Kapelle Ewald Leyh oder der Nuber und einmal das Pandemonium Orchester aus Zella", weiß Horst noch. Es gab einen Nachmittagstanz von 15 bis 18 Uhr und eine Abendveranstaltung von 20 bis 1 Uhr (Sonntag bis 0 Uhr). Für damalige Verhältnisse fand ein großer Rummel mit Kettenkarussell, Luftschaukel auf dem unteren Markt statt. "Das hatte sonst kein Ortsteil zu bieten", sind sich die Beiden rückblickend sicher. Die Kapelle hat die Kirmesgesellschaft bezahlt. Der Bierverkauf lief nur über den Wirt im Hirsch. Einnahmen gab es nur aus Ständchen, Eintritt und Extratouren. Ständchen wurden früher nicht an jedem Haus musiziert. "Nur da, wo man wusste, es gab was zu holen." Hans erinnert sich auch, dass sie beim Ständchen an der Gaststätte Schießgrund, jeder eine saure Gurke bekommen hat und dies etwas Besonderes war.

Die Löbben wurden in den Gaststätten aufgefüllt. Mit jeder Füllung wurde eine Kerbe in die Elle gemacht. Nach der Kirmes musste anhand der Kerben-Anzahl das Bier bezahlt werden. Jedes Jahr war somit eine neue Elle fällig.

Die Heinrichser waren schon immer sehr feierfreudig und sind meist in großen Gruppen aufgetreten

Der Begriff "Heinrichser Platzrettich" ist sehr alt und steht für den Ruf der Heinrichser als Angeber und Platzhirsche. Der Rettich wurde im Vergleich zu anderen "Gartengedöns" sehr groß und stark und verdrängte andere…, so die Wortfindung.

Hans und Horst erklären: "Beim Hahnenschlag war der Hahn bereits tot, wurde aber traditionell gemaust. Der Besitzer wusste aber, dass er geklaut wurde und hat entsprechend das Gatter nicht abgeschlossen oder ein Fenster offengelassen, damit nichts beim ‚Einbruch‘ beschädigt wird. Derjenige, der den Hahn getroffen hat, war meistens vorbestimmt. Er hat dann den Vorstand zum Essen eingeladen, nicht alle Kirmesburschen… bei der damaligen Anzahl auch verständlich."

Es war damals eine unheimliche Ehre, bei der Kirmes mitzumachen und es wurde dem 18. Geburtstag entgegengefiebert. Vorher hatte man keine Chance, da seitens der Polizei die Tanzveranstaltungen oft kontrolliert wurden. In Heinrichs gab es sogar eine eigene Wache mit Zelle (Nachbarhaus, rechts von Scherschenko).

"Die früheren 13 Kneipen, waren eigentlich jeden Tag gut besucht, Bier war billig, Flaschenbier für zu Hause gab es nicht, kein TV, kein Radio und wenn man Unterhaltung wollte, ging es in die Wirtschaft. Alle hatten gut zu tun, bei 3500 Einwohner", denken Hans und Horst wehmütig zurück.

Die Herkunft des Kirmes-Ruf 3-4 wissen Hans und Horst auch nicht. Jedes Jahr gab es neue Kirmesblumen. Die beiden Umzüge waren der Höhepunkt der Kirmes. Hier mussten alle Mitglieder anwesend sein. Abmarsch war 14 Uhr an der Gaststätte "Grüner Baum" (jetzt Fitness-Studio an der Meininger Str.). Der Hahnenschlag war montags, aber mit wenig Zuschauern. Der Saal im Hirsch wurde Ende der 50er Jahre geschlossen und damit verlor die Heinrichser Kirmes an Qualität. Trotzdem handelte es sich ständig um die größte Kirmes im Umkreis. Sponsoren gab es damals auch, die aber meistens mit Sachspenden geholfen haben. Die Kirmesgesellschaft hatte während der Veranstaltung den Saaldienst und den Wachschutz für die Löbben zu stellen. Das Bewachen der Löbben war eine sehr ernste Angelegenheit und bei Verlust gab es mächtig Ärger! Die damalige Scholzwahl war in der Regel auch schon vorherbestimmt. Dabei handelte es sich um bekannte Personen aus Heinrichs (z.B. Lehrer, Fußballer oder Bademeister). ng/red

    
    

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